Bewertet am 23. Juni 2023
Veröffentlicht von: Augsburger Allgemeine

Der Artikel in der Augsburger Allgemeinen Zeitung stellt die mögliche lebensverlängernde Wirkung von Taurin verständlich dar und berücksichtigt Risiken und Nebenwirkungen einer Taurin-Einnahme auf angemessene Weise. Ob die Substanz als Therapie verfügbar ist, wird allerdings nicht deutlich, auch nicht, in welchen Lebensmitteln (außer in Energy-Drinks) sie enthalten ist. Alternativen zur Einnahme von Taurin kommen nicht zur Sprache, ebenso wenig wie die Kosten. Der Beitrag ordnet die Studienlage gut ein, nennt aber keine unabhängigen Experten oder Quellen. Eine journalistische Eigenleistung ist leider nicht zu erkennen, da der Beitrag weitgehend einem Artikel des Redaktionsnetzwerk Deutschland entspricht, auf den der Beitrag aber immerhin Bezug nimmt. Doch vermittelt der Text das Thema attraktiv und auch für Laien verständlich.

Zusammenfassung

Länger leben, mehr Gesundheit im Alter – die Aminosäure Taurin könnte dafür eine Schlüsselrolle spielen, schreiben Wissenschaftler:innen im Fachblatt Science. Der journalistische Beitrag über diese Studie in der Augsburger Allgemeinen Zeitung gibt die Essenz dieser Veröffentlichung gut wieder, berichtet über die Experimente mit Mäusen und Fadenwürmern, die mit Taurin länger lebten, und mit Rhesusaffen, die mit Taurin im Alter gesünder waren. Der Artikel ordnet die Studienergebnisse ein, betont, dass es noch unklar ist, ob die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind. Die Autor:innen der Science-Studie haben neben den Tierexperimenten biomedizinische Daten von Menschen ausgewertet und zusätzlich in einer Studie den möglichen Zusammenhang zwischen dem Taurinspiegel im Blut und Sport erkundet. Auch hier bleibt der Beitrag vorsichtig und lobenswert kritisch. Schade, dass der Beitrag einige Fachbegriffe nicht erklärt, zudem ist kaum journalistische Eigenleistung zu erkennen: Der Text entspricht inhaltlich weitgehend einem Artikel des Redaktionsnetzwerk Deutschland, obwohl er sich als Eigenleistung der Redaktion ausgibt.

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Die Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Der Artikel thematisiert ausführlich die gesundheitlichen Effekte einer Substitution mit der Aminosäure Taurin. Der Nutzen bzw. der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu wird somit deutlich. „Die 120 Mäuse mit Taurin im Futter lebten im Schnitt länger. Weibliche Tiere hatten eine um zwölf Prozent und männliche Tiere um zehn Prozent höhere Lebenserwartung als die Mäuse in der Kontrollgruppe.“ Die Effekte werden nicht nur in relativen, sondern auch absoluten Werten angegeben: „Das sind drei bis vier Monate mehr, was etwa sieben oder acht Menschenjahren entsprechen würde.“ Zudem heißt es: „Zudem stellten die Forscherinnen und Forscher bei weiteren Versuchen mit Mäusen und Rhesusaffen fest, dass alternde Tiere, die mit Taurin gefüttert wurden, gesünder waren als ihre unbehandelten Artgenossen.“ Auch wird klar, dass es sich um das Forschungsstadium der Tierversuche handelt: „Noch ist allerdings unklar, ob die Ergebnisse der Studie auf den Menschen übertragbar sind.“ Das könne nur „durch randomisierte klinische Studien am Menschen herausgefunden werden.“ Zusätzlich haben die Forscher:innen Gesundheitsdaten von 12.000 Europäerinnen und Europäern ausgewertet. Im Beitrag heißt es dazu: „Diejenigen mit höherem Taurinspiegel hatten seltener Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit sowie Bluthochdruck und hatten geringere Entzündungswerte als diejenigen mit niedrigeren Werten.“ Und wieder wird gleich betont: „Doch es ist nicht sicher, ob die Aminosäure für die bessere Gesundheit ursächlich ist.“

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt

Bisher gibt es keine Erkenntnisse darüber, ob Taurin für Menschen ein Risiko darstellt, wenn es in einer den Tierversuchen entsprechenden Dosierung eingenommen wird. Dies wird im Artikel erklärt und auch die Notwendigkeit, mehr darüber zu erfahren: Untersuchungen seien „ (…) notwendig, um Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen zu untersuchen.“ Weiter heißt es: „Taurin gilt zwar als gesundheitlich unbedenklich, doch die in der Studie verwendeten Dosen wären für den Menschen sehr hoch. Und ihre Sicherheit ist nicht geprüft.“ Damit sind mögliche Risiken und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Der Artikel macht deutlich, dass bislang noch Studien am Menschen fehlen. So wird zumindest indirekt klar, dass Taurin als evidenzbasierte Medizin noch nicht verfügbar ist. Gleich zu Beginn des Artikels heißt es, dass Taurin in vielen Energy-Drinks enthalten sei. Man erfährt jedoch nichts über die Dosierungen in diesen Getränken. Könnte der Konsum solcher Produkte schon einen gewünschten Effekt haben? Auch dass Taurin als Nahrungsergänzungsmittel auf dem freien Markt erhältlich ist, erklärt der Artikel nicht. Die Verfügbarkeit wird also insgesamt nicht klar herausgearbeitet. Daher werten wir insgesamt nur knapp „ERFÜLLT“.

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Forschungen, die auf andere Anti-Aging-Mittel setzen, werden nicht erwähnt. Dabei geht eine Pressemeldung der Columbia University zur Science-Studie sogar auf weitere Kandidaten ein, Metformin etwa, Rapamycin und NAD-Analoga. Es gäbe also Alternativen zu Taurin, was der Artikel nicht erwähnt. Immerhin vermittelt der Text aber, „ (…), dass Menschen durch ein anstrengendes Fahrradtraining verstärkt Taurin produzieren. Diese Erkenntnis deckt sich mit der Beobachtung, dass sich Sport positiv auf die Gesundheit im Alter auswirkt.“ So wird zumindest ein wenig deutlich, dass es Alternativen zur Taurineinnahme gäbe. Dennoch werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT”.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Von Kosten ist in dem Beitrag nicht die Rede, weder von den Kosten einer Taurin-Therapie noch von den Kosten, die sich einsparen ließen, wenn Menschen im Alter weniger unter Osteoporose und anderen altersbedingten Krankheiten zu leiden hätten. Dabei hätten sich zumindest die Kosten der frei verkäuflichen Präparate einfach ermitteln lassen. Sie wären auch angesichts einer womöglich breiten und dauerhaften Anwendung relevant.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Der Artikel berichtet, dass der individuelle Taurinspiegel mit diversen Erkrankungen korreliert: „Diejenigen mit höherem Taurinspiegel hatten seltener Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit sowie Bluthochdruck und hatten geringere Entzündungswerte als diejenigen mit niedrigeren Werten.“ Diese Krankheiten werden nicht übertrieben dargestellt. Auch das Altern an sich problematisiert der Artikel nicht unangemessen, indem er betont, dass es darum gehe, gesund zu altern: „Zudem stellten die Forscherinnen und Forscher (…) fest, dass alternde Tiere, die mit Taurin gefüttert wurden, gesünder waren als ihre unbehandelten Artgenossen. Weibliche Mäuse, die ein Jahr lang Taurin bekamen, nahmen altersbedingt weniger Gewicht zu, verbrauchten mehr Kalorien, hatten stärkere Knochen und Muskeln, verhielten sich weniger depressiv und ängstlich.“ Bei den Erläuterungen wird nicht übertrieben.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Die vorhandene Evidenz ordnet der Artikel angemessen ein. Der Text skizziert das kontrollierte Studiendesign: „In den Tierversuchen fütterten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Mäuse ab einem Alter von 14 Monaten bis zu ihrem Tod entweder mit Taurin in einer Dosis von täglich 1000 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht oder mit einer Kontrolllösung.“ Weiterhin beschreibt er mehrere Forschungsergebnisse, die den Zusammenhang von Taurin und Alterungsprozessen belegen: „Diejenigen mit höherem Taurinspiegel hatten seltener Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit sowie Bluthochdruck und hatten geringere Entzündungswerte als diejenigen mit niedrigeren Werten.“ Oder auch hier: „Die Forscherinnen und Forscher zeigten auch, dass Menschen durch ein anstrengendes Fahrradtraining verstärkt Taurin produzieren. Diese Erkenntnis deckt sich mit der Beobachtung, dass sich Sport positiv auf die Gesundheit im Alter auswirkt.“ Und er macht deutlich, wofür die Evidenz fehlt: „Ob die Gesundheit gefördert und das Leben durch eine zusätzliche Einnahme von Taurin verlängert wird, kann nur durch randomisierte klinische Studien am Menschen herausgefunden werden. Bislang gab es keine solchen Untersuchungen. Diese sind auch notwendig, um Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen zu untersuchen.“

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Es werden keine unabhängigen Experten zitiert oder Quellen genannt. Lediglich der Studienautor kommt zu Wort.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Es sind keine Interessenkonflikte offensichtlich, die den Verdacht einer Befangenheit bezüglich der besprochenen Studie begründen würden. Daher halten wir es für angemessen, nicht auf Interessenkonflikte einzugehen und werten daher „ERFÜLLT“.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Nach einem Elixier, dass uns länger und gesünder leben ließe, forschen Wissenschaftler seit jeher. Und viele Menschen sind daran interessiert. Somit haben Erkenntnisse zu einer Substanz, die solche Hoffnungen erfüllen könnte, einen großen Neuigkeitswert. Allerdings wird nicht thematisiert, welchen Stellenwert die Studie in der Anti-Aging-Forschung hat. Und auch die ethischen Implikationen, die der Wunsch nach immer mehr Lebensjahren hat, werden im Beitrag nicht diskutiert. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Zu der wissenschaftlichen Studie in der Zeitschrift Science wurden zwei Pressemitteilungen durch beteiligte Universitäten herausgegeben. Über deren Inhalt geht der Artikel nicht hinaus. Der Text hält sich zudem sehr an einen Artikel des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Die Struktur ist komplett übernommen und es sind nur einzelne Textteile etwas umformuliert. Eine journalistische Eigenleistung ist nicht zu erkennen (siehe Begründung Abwertung) auch wenn der Artikel durch Nennung einer Autorin als Redaktionsbeitrag gekennzeichnet ist. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Der Artikel liefert zahlreiche Informationen über die berichtete Studie, die nicht nur einen Tierversuch zum Inhalt hatte, sondern zusätzliche Aspekte zusammengetragen hat, welche die Rolle der Aminosäure Taurin für den Alterungsprozess beleuchten. So entsteht ein differenziertes Bild der Forschung zu einem Thema von übergeordneter Relevanz, dem gesunden Altern. Es wird deutlich, wie komplex so eine Forschung ist, und dass die Wissenschaft trotz umfangreicher Studien noch weit davon entfernt ist, die Rolle des Taurin für den menschlichen Alterungsprozess abschließend zu verstehen. Die Thematik ist insgesamt attraktiv dargestellt.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Obwohl es sich um eine sehr wissenschaftliche Studie handelt, ist der Beitrag durchgehend verständlich geschrieben. Er nennt zahlreiche Details und ordnet diese ein. Schon der Titel macht deutlich, dass die Erkenntnisse noch vorläufig sind: „Kann Taurin das Leben verlängern?“ Zwischenüberschriften machen die Fakten verständlich: „Taurin bei Menschen: Mangel könnte zu Alterung beitragen“, „Wie viel Taurin ist gesund für Menschen?“ Und auch Scharniersätze vermitteln die gebotene Zurückhaltung bei der Bewertung der Forschungsergebnisse („Demnach hängt der Taurinspiegel offenbar mit Gesundheitsparametern zusammen.“). Schade ist nur, dass manche Fachbegriffe nicht erklärt werden, etwa, was eine Insulinresistenz bedeutet oder was man unter randomisierten klinischen Studien versteht. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Gesund alt werden ist ein Thema von höchstem Interesse für sehr viele Menschen. Es ist dauerhaft aktuell und Erkenntnisse über ein potenzielles „Lebenselixier“ sind dementsprechend relevant. Somit ist die Themenauswahl gelungen.

Medizinjournalistische Kriterien: 10 von 15 erfüllt

Abwertung um einen Stern (von 4 auf 3), Begründung: Eine journalistische Eigenleistung ist nicht zu erkennen, Inhalt und Struktur des Textes ist weitgehend einem Artikel des Redaktionsnetzwerks entnommen.

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Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar