Nach der „Weltsensation“ der „Heilige Gral“: Bluttest-Berichterstattung schafft es in die Unstatistik

Als hätte es den Skandal um den Brustkrebs-Test der Heidelberger Universität und der Berichterstattung der BILD-Zeitung („Weltsensation!“) nie gegeben, verkündet FOCUS Online Anfang September: „Bluttest erkennt 10 Tumorarten im Frühstadium“.

Es folgt eine Meldung über eine Studie, die auf einer Konferenz vorgestellt wurde (die bereits Anfang Juni (!) stattfand), über einen Bluttest (Liquid biopsy), „der gleich zehn verschiedene Krebsarten entdecken kann“, bevor sich die Symptome bemerkbar machten.

Der Zwischentitel des Artikels verspricht eine „Treffsicherheit bis zu 90 Prozent“. Schon das „bis zu“ sollte erfahrene JournalistInnen und LeserInnen stutzig machen, bedeutet dies doch schlicht, dass es sich nicht um einen aussagekräftigen Mittelwert handelt, sondern um einen Extremwert, von dem ungewiss ist, wie oft er tatsächlich eintrifft.

Es folgt dann auch eine Auflistung der „Treffsicherheit“ des Tests bei zehn verschiedenen Tumorarten, die von 90 bis runter zu 56 Prozent reicht.

Leider – und typisch für diese Art von Berichterstattung (weitere Beispiele finden sich hier) – unterschlägt der Bericht die anderen wichtigen Werte, auf die es bei Beiträgen über diagnostische Tests immer, immer, immer ankommt: Die Falsch-Alarm-Rate.

Es braucht immer zwei Werte, um einen diagnostischen Test zu beschreiben, fehlt ein Wert, kann man sich den Beitrag eigentlich auch schenken.

Denn es geht nicht nur um die Quote der „richtigen“ Treffer, sondern auch um die Zahl der falschen Alarme, also die Frage, wie häufig der Test bei Patienten „Krebs“ anzeigt, obwohl diese Personen gar keinen Krebs haben.

Wir legen Euch dazu einen ausführlichen Artikel hier im Blog ans Herz über über „Das Yin und Yang medizinisch-diagnostischer Tests“.

Weil das Fehlen der Falsch-Alarm-Rate gerade nach dem Brustkrebs-Skandal so ärgerlich ist, wurde der Beitrag von Focus Online jetzt auch zur Unstatistik des Monats September gekürt: „Der „Heilige Gral der Krebsforschung“ ist oft kaum besser als ein Münzwurf“.

Im Text wird dann kurz durchgerechnet, wie sich die Werte bei verschiedenen Falsch-Alarm-Raten verschieben.

Einen Artikel wie diesen auf Focus Online sollte es spätestens nach dem Brustkrebs-Test-Skandal eigentlich nicht mehr geben. Die einzigen, denen solche Artikel nützen sind die Forscher solcher Studien und die PR- und Marketingabteilungen der beteiligten Unis und Firmen.

Links:

Unstatistik des Monats September 2019: Der „Heilige Gral der Krebsforschung“ ist oft kaum besser als ein Münzwurf

Sarah Sievert: Das Yin und Yang medizinisch-diagnostischer Tests

Bewertungen von Beiträgen über diagnostische Tests im MEDIATE-Projekt